Eine Kurz(e)geschichte

Heute lief Theobald nackt auf die Straße. Die Leute haben geguckt. Was sollten sie auch sonst tun?! Typisch deutscher Voyeurismus. Immer, wenn sich Theobald mit seinem Adamskostüm hinaus ins dachlose Paradies verläuft, fallen diese erschrockenen, aber sich nach fremder Nacktheit zehrenden Blicke auf seinen hautfarbenen Anzug.
Irgendetwas war heute anders als all die Male zuvor. Auf die zweihundertjährige Eiche an der Straßenecke kletterte gerade ein fuchsrotes Eichhörnchen. Der Baum stand seit voriger Woche unter Denkmalschutz. Es gab sogar ein tolles Foto in der Zeitung: Die Eiche und der zweihundert Pfund schwere Bürgermeister. Dem kleinen Tier war das egal. Es verstand nichts von den eichelartigen Festlichkeiten der Menschen. Für ihn war die Eiche schon seit Jahr und Tag sein Zuhause. Jetzt legte es gerade seinen Wintervorrat an Nüssen und Eicheln an.
Mit einem Mal kehrte das Eichhörnchen um und schnellte geradewegs auf Theobald zu. "Blitzschnell!", werden die Leute später sagen. Die kleine Gerda rief Theobald, der von dem Eichhörnchen noch nichts ahnte, warnend zu: "Pass auf!" Nur wenige Sekunden später erschallte ein langer hoher Schrei in den gespitzten Ohren der Voyeure.
Das Eichhörnchen kehrte auf sein Denkmal zurück. Zufrieden war es. Das Winterlager war nun fast gefüllt.
Erlaubt mir noch folgende kleine Anmerkung: Diese tieftraurige Geschichte vom armen Theobald ist jetzt schon etwa drei Jährchen alt. Sie ist also schon alt genug, selbst zu entscheiden, ob sie hier stehen will oder nicht. Sie will nicht.









































