Mit Google Air rückwärts nach Berlin
Sollte man eigentlich wirklich während einer Zugfahrt auf seinem Laptop herumtippen? Schließlich stelle ich ja an mir selbst fest, dass ich immer wieder mal auf die wenig entfernten Bildschirme meiner Umgebung blinzle. In der Sitzreihe vor mir sitzt beispielsweise ein etwa 35 Jahre alter Mann, der sich offenbar an einer Analyse und Kritik des in wenigen Tagen bevorstehenden G8-Gipfels in Heiligendamm versucht. (Ob wohl auch der Bono in seiner Abhandlung Platz findet?)Ich denke mal, dass sich sicherlich auch der eine oder andere fremde Blick auf meinen Bildschirm hier verirrt. Na, ja! Und wenn schon?! Dann liest jetzt eben der eine oder andere „Schwarzseher“, dass ich ihn hiermit soeben auf frischer Tat ertappt habe. *hö-hö*
Der Zug hat gerade Hannover hinter sich gelassen. Das ist etwa die Mitte meiner Strecke. Seit Dortmund sitze ich auf meinem reservierten Fensterplatz mit der Nummer 61 und warte auf meine Ankunft in Berlin. Das sind insgesamt etwas mehr als drei Stunden Fahrt. Einmal vor einigen Jahren hatte ich es mir erlaubt, vorher keinen Platz zu reservieren. Großer Fehler! Ich verbrachte damals nämlich eine halbe Stunde damit, durch den überfüllten Zug zu laufen – mit schwerem Gepäck natürlich –, bis ich endlich das wohl noch einzige freie Plätzchen entdeckt hatte. Das war damals meine erste Fahrt mit einem ICE, aber meine letzte ohne Platzreservierung. Ich fahre gern mit dem ICE. Vor allem nach Berlin. Manche fragen mich, wieso ich denn nicht nach Berlin fliege. Doch erstens wäre dies mit dem ganzen nervenden Anfahrtundeincheckundgepäck- abgabeundspäterwiederewigdraufwartengedöns kein wirklicher Zeitgewinn für mich und zweitens bleibe ich auf meinen Reisen dem Erdboden doch viel lieber so nah wie möglich; im Zug sitzend sind es gerade mal zwei bis drei Meter Distanz, anstatt zwei- bis dreitausend oder noch viel mehr Meter. Dieser Unterschied erhöht meine Überlebenschancen im Fall der Fälle gleich bis ins Unendliche. (Dumme Hoffnungen gefallen mir manchmal eben besser als grausame Gewissheiten)
Diesmal sitze ich leider mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Das ist nicht weiter schlimm. Mir wird dadurch nicht schlecht wie manch anderen rückwärts Reisenden, deren Blick – wenn er gerade mal nicht auf fremde Laptops fällt – unentwegt zur hoffentlich frei bleibenden Toilette gewandt ist. Und hoffentlich sitzt man auf ihr dann auch in Fahrtrichtung. Obwohl … meistens sind die Dinger doch eh seitlich eingebaut, oder? Sorry, ich gehe in Zügen nur dann aufs Klo, wenn es wirklich sein muss - also so gut wie nie. Daher bin ich mir nicht so sicher, wie es wirklich um ihre Architektur bestellt ist.
Es ist jetzt 14:22 Uhr. 15:08 Uhr komme ich am Berliner Hauptbahnhof an. Ich bin mal gespannt, wie dieser Kurzurlaub in meiner deutschen Lieblingsstadt werden wird. Mein letzter Besuch in der Hauptstadt war im vergangenen Juli. Es war noch sehr heiß und die Fußball-WM war gerade zu Ende gegangen. Was für eine großartige Zeit die WM doch war! Nur leider wird das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft von einigen (zum Glück nur sehr wenigen) als „nicht so wichtig“ abgestempelt. Es sei doch egal gewesen, wer aus dem Halbfinale als Sieger hervorgehen sollte. Banausen!
Heute ist Samstag. Bis Dienstagnachmittag bleibe ich in Berlin. Einer meiner in den vergangenen Jahren üblich gewordenen Kurzurlaube. Früher, als ich noch ein Kind war, waren „die schönsten Tage des Jahres“ noch ein paar mehr und wurden nahezu immer irgendwo am Meer verbracht: Italien, Frankreich, Niederlande, Schleswig-Holstein. Einmal waren wir sogar in Rumänien und das noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Ich war damals erst drei Jahre alt und wusste noch nicht, dass ein Krieg überhaupt heiß oder kalt sein kann, geschweige denn, was ein Krieg überhaupt ist. Kalt und heiß kannte ich nur von Blindekuh, vom Einseifen bei Schneeballschlachten, von verbotenen Herdplatten und von leichtsinnig stehen gelassenen Bügeleisen – mir ist mit vier Jahren eines auf meine Hand gefallen und man sieht die zum Glück nur geringfügigen Folgen jener Katastrophe heute noch. *Zergeh in Selbstmitleid!*
Meine Unterkunft in Berlin kenne ich bisher nur über Google Earth. Na, ja! Ein großer Kastanienbaum steht dort im Hof. Mal schauen, wie er wohl von unten aussieht. Google Earth ist übrigens auch ein netter Ersatz für all die, die nicht so gern mit dem Flugzeug verreisen. Und es hat sogar noch den Vorteil, dass darauf keine Wolken die Sicht nach unten versperren. Das bringt mich gerade auf den Gedanken, wie lange es wohl noch dauern mag, bis Google eine eigene Fluggesellschaft gründet. Google Air vielleicht? Für viele womöglich das passende Ergänzungsstück zu Google Earth. Das macht aber auch nur dann Sinn, wenn sich die Piloten ihre Routen und Landeplätze nicht erst noch ergooglen müssen. (OK, OK! Der war nicht gut!)
Noch etwa eine halbe Stunde bis zur Ankunft. Passend dazu läuft auf meinen mp3-Player gerade Zoo Station von U2. Nur ist es so, dass ich gar nicht am Bahnhof Zoo aussteige. Zum einen habe ich das eh noch nie getan und zum anderen hält der ICE dort seit Eröffnung des windanfälligen Megahauptbahnhofes eh nicht mehr. Schön war der Bahnhof am Zoologischen Garten ja nun nie. Aber gegönnt habe ich ihm diesen Zugentzug nicht. Dabei liegt er doch wenigstens mitten in der Stadt. Das tut der Hauptbahnhof ja nun leider gar nicht. Kommst du dort raus, befindest du dich erst einmal in der Knüste.
Ich müsste übrigens langsam dann doch mal auf die Toilette. Aber nein, diese hier im Zug halte ich heldenhaft und selbstlos für all jene frei und bereit, die sich noch immer nicht so recht mit ihrer falschen Kombination aus Sitz- und Fahrtrichtung anfreunden können.
hesi - 3. Jun, 18:31
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whiteflag (Gast) - 15. Jun, 12:59
Recht hast Du!
Ingo,
du hast geschrieben:
"Es sei doch egal gewesen, wer aus dem Halbfinale als Sieger hervorgehen sollte. Banausen!"
Recht hast du mein Freund, wenn du solch Einen als BANAUSEN bezeichnest. Mir wäre es nicht egal gewesen, wenn Italien gegen die DFB-Elf rausgeflogen wäre. :-))
du hast geschrieben:
"Es sei doch egal gewesen, wer aus dem Halbfinale als Sieger hervorgehen sollte. Banausen!"
Recht hast du mein Freund, wenn du solch Einen als BANAUSEN bezeichnest. Mir wäre es nicht egal gewesen, wenn Italien gegen die DFB-Elf rausgeflogen wäre. :-))








































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